Fahrradtour in Kathmandu

Donnerstag, 20. April 2006, 15. Tag des landesweiten Generalstreiks

Seit gestern Abend gilt wieder Ausgangssperre. Diesmal 25 Stunden Curfew, bis heute Nacht um acht darf im inneren Kathmandu-Tal niemand vor die Tür gehen. Andauernd donnern Lastwagen der Armee durch die Straßen, auf jedem sitzen mindestens fünfzig Soldaten. Bin mit Yogendra verabredet, wir wollen hinaus zur Ringroad. Sie umschließt das Stadtinnere wie ein Perlenkollier, dort werden sich mittags trotz Curfew Hunderttausende treffen, um gemeinsam für wahre Demokratie und gegen die Unterdrückung des nepalesischen Volkes durch König Gyanendra zu protestieren.

Als ich um halb elf aus dem Haus gehe, ist es gespenstisch still. Zwei Telefonate ergeben, dass aus der Stadtmitte kein Mensch zur Ringroad kommt, alles abgeriegelt, Straßen blockiert. Dinesh leiht mir sein Fahrrad. Kamera, Handy, Wasser, Stadtplan einpacken, Mütze auf und los. Bin noch nicht weit gekommen, als es in meiner Tasche piept und vibriert. Min ist dran, Fotograf von Himalmedia. Sie haben keine Curfew-Pässe bekommen, vier verschiedene Blätter druckt der Verlag, nicht ein Fotograf draußen. Ob ich wohl Fotos machen und sie ihm abends bringen kann, sie brauchen dringend Bilder. Klar.

Hier im Touristenviertel sind nur wenige Ausländer unterwegs, alle Läden dicht, an jeder Ecke Polizei. Mich stoppen erst am Lainchour drei Soldaten, in gutem Englisch fragen sie, wohin. Nach Buddhanilkantha. Zu weit, zu gefährlich, Curfew. Beschwichtigen, von Freunden erzählen, die unbedingt besucht werden müssen, meinen deutschen Personalausweis zeigen, den Jungs ein bisschen schmeicheln - und ich darf weiter. Ein paar Brocken Nepali und seto chala, weiße Haut, genügen. Vorsichtig soll ich sein. Die Ausgangssperre gilt für jeden und wird auch heute mit der Waffe durchgesetzt.

Will nach Gongabu, denn da wird heute die größte Menge erwartet. Dort fand am 11. April das Massaker statt, feuerten Soldaten ohne Vorwarnung in die Menge. Auf der Brücke über den Bishnumati, unterwegs habe ich zweimal anhalten und meine Geschichte erzählen müssen, ist Schluss. Noch vierhundert Meter bis zur Ringroad. Umdrehen. Dieser Offizier lässt nicht mit sich handeln.

Fahre zurück, frage ich mich durch und finde schließlich einen handtuchschmalen holperigen Pfad. Auf jeder Seite eine Mauer aus nacktem Backstein, gerade genug Platz für den Lenker und eine Handbreit Luft. Wenig Druck auf den Reifen, Felgen hämmern durch Schlaglöcher und knallen brutal auf steinigen Untergrund. Kurz nach zwölf habe ich meine erste Demo vor der Linse, vielleicht dreihundert Leute, angeführt von einem Trupp mutiger Frauen. Keine Polizei. Fahnen, Fäuste, rhythmisch skandierte Parolen. Loktantra - Jindabad! Herrschaft des Volkes - für immer! Ein halbes Dutzend Fotos, und weiter.

Unterwegs klatscht eine Ladung Vogelkacke auf die rote Himalmedia-Mütze, die Min mir vorgestern schenkte. Nehme es als gutes Omen. Falls das alles ist, was mich heute trifft -kein Problem. Nach einigen Schlenkern ist die Ringroad erreicht, an jeder Kreuzung stehen LKWs mit Armee und Polizei, ansonsten komplette Ruhe. Meine Taktik: Blickkontakt vermeiden, langsam aber stetig dahinradeln; überrascht gucken, wenn jemand ruft; nur anhalten, wenn sie sich mir in den Weg stellen. Klappt. Rolf, verkrachte Journalistenexistenz aus Köln, läuft vorsichtshalber sogar im Hotel mit zwei Presseausweisen am Hals herum. Jetzt sitzt er bestimmt im Hyatt-Regency und guckt sich das Spektakel in der Glotze an.

Auf der breiten, ebenen Straße komme ich besser voran, finde sogar eine verrammelte Tankstelle und stoppe. Yo manchi ho? Jemand da? Sie sitzen hinten im Haus und sehen sich Bollywood-Videos an. Geschlossen. Patrakar ist das Zauberwort, vorgestern gelernt, Journalist. Fünf Minuten später und fünf Rupien ärmer bin ich auf knallhart prallen Reifen weiter unterwegs in Richtung Maharajganj.

Von weitem schon hört man Sprechchöre, die Kreuzung an der Abzweigung nach Buddhanilkantha wimmelt von Uniformierten. Sie nehmen kaum Notiz von mir, offenbar nach dem Motto: Wer es bis hierhin geschafft hat, darf wohl. Fahrrad anketten und zu Fuß weiter, ein schmaler Weg zwischen schattigen Hinterhöfen, an feuchten Mauern entlang. Auf der Querstraße kann ich mich dann frei bewegen, werde mutiger, gehe bis zur Kreuzung vor und halte die Linse drauf. Gegenüber, auf der anderen Seite der Ringroad, ein rotes Fahnenmeer, schätzungsweise zehntausend Menschen. Davor die Rücken von mindestens zweihundert Polizisten in ihrem blauen Tarndress, dazwischen grüne Camouflage-Uniformen der Armee.

Plötzlich dumpfes Knallen. Tränengasgranaten fliegen in hohem Bogen durch die Luft, fallen mit schneeweißer Rauchspur in die zurückweichende Menge. Muss an die abstürzenden Trümmer der explodierten Raumfähre Columbia denken. Leute spritzen auseinander und stürmen zurück. Dreihundert Meter weiter hinten reckt sich ein Wald zorniger Fäuste in den Himmel. Von Dächern werden Wasserflaschen in die Menge geworfen. Augen spülen, kurze Pause, dann formieren sie sich neu.

Klettere auf die Metallabsperrung an der Kreuzung, lehne mich an einen Mast und mache meine Bilder. Doch eher zwanzigtausend Demonstranten hinter der Polizeikette, und wieder Loktantra - Jindabad! Drei Soldaten sind neugierig geworden. Woher, wann gekommen, wie alt, verheiratet, ob ich Nepali spreche? Deutschland, vor drei Wochen, 47, nein, ein bisschen. Hari Rai aus Kirtipur ist 20, er langweilt sich und findet die Monarchie gut. Versteh' ich. Don't bite the hand that feeds you. Wie viel Mann seid ihr hier? 500. Und da drüben? 50.000. Glaub' ich zwar nicht, nicke aber freundlich. Ob ich auf die andere Straßenseite gehen und fotografieren darf? Sicher, kein Problem, mach ruhig.

So gelingen die ersten wirklich guten Fotos. Ein Meer aus singenden Menschen, klatschenden Händen, flatternden Fahnen. Davor - Schulter an gepolsterter Schulter, mit Helm und schwarzem Brustpanzer - in vier Reihen die Exekutive. Herangekarrt und in Formation gestellt samt Befehl, den Willen des Volkes zu ignorieren, nötigenfalls zu brechen. Wage mich langsam vor, durchschreite das Spalier der Knüppelgarde, knipse und schaffe es schließlich bis auf eine Dachterrasse hinauf. Ein paar hastige Gesten nach oben, dann die Parole ›patrakar‹, schon machen sie auf und bitten mich ins Haus. Vieles ist so einfach in Nepal. Gute Aussicht, aber leider nicht zum Fotografieren, fette Kabel hängen quer durchs Bild. Unten wird es ruhiger, aus der Menge klingt mehrfach das Wort Chabahil, ein Vorort, nicht weit von hier. Trupps und Trüppchen setzen sich seitwärts durch die Gassen in Marsch. Schlendere zum Rad zurück und rufe Min an, der zuhause am Radio sitzt.

Er sagt, in Chabahil sei richtig was los, wäre gut, wenn ich es dorthin schaffe. Höchstens sechs Kilometer. Drei Polizeisperren. Meine neue Story ist jetzt, dass ich Journalist bin und ins Hyatt-Hotel in der Nähe von Boudhanath will, Chabahil liegt auf dem Weg. Zur Not muss Rolf für mich lügen, macht er gern. Unterwegs begegnet mir eine einzelne Frau in schmutzig-grauer Gurung-Tracht, auf dem Kopf trägt sie einen schweren Korb mit ihrer Habe. Foto kidjne huncha - darf ich fotografieren? Sie lacht, nicken kann sie wegen der Last nicht. Anmutig, vollkommen aufrecht und barfuß schreitet sie über den warmen, staubigen Asphalt.

Dann eine Gruppe johlender, junger Leute, sie haben die Böschung über der Ringroad besetzt und werden von zwanzig Mann in Schach gehalten. Meine Kamera ermuntert sie offenbar, mit wildem Geschrei stürmen sie auf die Straße und vollführen einen Freudentanz. Vier Minuten lang lässt die Polizei sie gewähren, dann ist Verstärkung da, im Laufschritt toben sie den Hügel herunter. Plumpe Gewehre für Tränengas, Pumpguns mit billigem schwarzem Plastikschaft, verschrammt und mit daumendickem Lauf, ideal um fetten Gummischrot zu verschießen, ein paar Maschinenpistolen und die halbautomatischen Sturmgewehre der Soldaten. Dazu Bambusknüppel und gelegentlich ein Stück Wasserrohr - Argumente, die überzeugen. Kurz darauf ist die Straße wieder frei, neben vereinzelten Backsteinbrocken kommen jetzt von der Böschung hauptsächlich Spottverse.

In Chabahil muss meine Geschichte von neuem erzählt werden. Wie ich überhaupt so weit gekommen sei, will der resolute Offizier wissen, zwei gelbe Sterne hat er auf den Schultern. Lüge mich durch und werde angewiesen, auf direktem Wege zum Hotel zu radeln. Wie das gemeint ist, erschließt sich nicht, denn die breite Straße nach Boudhanath, und damit auch zum Hyatt, wimmelt von Demonstranten. Überall stehen, gehen, drängeln Leute, der Raum zwischen den Häuserfronten ist gestopft voll. Sie schieben und drücken gegen die Polizeikette, pfeifen, johlen und singen. Immer wieder hört man ›Loktantra - Jindabad!‹ Hier reicht eine Doppelreihe Polizisten, offenbar wegen der Kameraleute und Fotografen, alle mit Helm und gelber PRESS-Weste. Ein Panzerwagen mit Maschinengewehr in der drehbaren Kuppel, gleich oben an der Kreuzung, hilft sicher auch.

Es herrscht fast Volksfeststimmung, wie beim Tauziehen der Schützenvereine, nur ohne grüne Wiese, Bratwurst und Bockbier. Alle paar Minuten schwellen die Sprechchöre an, das Pfeifen wird gellender und die Menge stemmt sich mit neuer Kraft gegen die Polizisten. Aus Fenstern fliegen Wasserflaschen, werden hastig ausgetrunken und wieder hinauf geworfen. Ein Mann steigt mit dem Gartenschlauch auf sein Hausdach und kühlt Protestierende ebenso wie Polizisten. Die Journalisten bringen hektisch ihre kostbaren Kameras in Sicherheit und ballen zur Abwechslung auch mal die Fäuste, aber nicht in Richtung Polizei.

Unruhe kommt auf. Ein Bewusstloser mit Kopfverband wird über die Köpfe der Menschen hinweg nach vorn gereicht und vor mir im Schatten auf den Gehweg gelegt. Ein Krankenwagen prescht heran, Verschlüsse klicken, TV-Kameras surren, die Aktivisten der Menschenrechtsorganisationen in ihren hellblauen Westen eilen alarmiert herbei. Doch der Mann ist nur vor Hitze und in dem Gedränge ohnmächtig geworden, war offenbar schon vorher verletzt. Entwarnung.

Die Lage bleibt ruhig, sportlich fair, die Demonstranten in den ersten Reihen setzen sich sogar auf den Asphalt. Direkt vor die Polizeikette. Dort möchte man nicht hocken, wenn die Menge plötzlich nachdrängt und alle in Panik lostrampeln wie eine Büffelherde in Montana.

Mein Wasser ist ausgetrunken, der erste Wechselakku ebenso leer wie mein Magen. Vier Uhr, Dinesh braucht sein Fahrrad zurück. In mir eine Mischung aus Bedauern und Erleichterung. Sie haben es zwar nicht geschafft, die Sperren zu durchbrechen, zum Glück ist aber alles friedlich geblieben. Auf dem Rückweg passiere ich sechs oder sieben Kontrollen, grüße freundlich und bin eine halbe Stunde später bei Prasanth. Wir brennen die besten Fotos auf eine CD und ab geht's zu Min in die Altstadt.

Der steht mit seiner Kamera um den Hals vor dem alten Tempel, dort wo die Gasse zu seinem Haus abzweigt, ansonsten ist das Viertel wie ausgestorben. Min ist aufgewühlt, erzählt hastig von drei jungen Männern, die am Nachmittag in Kalanki erschossen wurden. Sie sind zusammen mit vielen Verletzten ins Kathmandu Model Hospital gebracht worden, ob ich wohl dorthin fahren könne und die Leichen fotografieren? Er schreibt den Namen eines Arztes auf, der bereits am ersten Tag der Ausgangssperren verhaftet wurde. Auf ihn soll ich mich berufen.

Diesmal ohne Stopps, einmal ruft ein Polizist "Hey, Curfew!" und ich gebe ein fröhliches "Yes, thank you!" zurück. Kein Problem. Wunderbares Nepal, alles ist geregelt, aber keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt immer einen Weg. Später erklären mir drei Armee-Soldaten sogar freundlich die Fahrtroute zum Hospital. Der Nachmittag ist warm, eine trügerisch friedliche Stille hängt über der Stadt.

Im Hof stehen rund 40 Polizisten, darunter welche mit zwei und sogar drei gelben Sternen auf den Schultern. Unter dem Vordach zur Eingangshalle liegen nackte Schaumgummi-matratzen, darauf Verletzte, überall stehen Leute herum. Kopfverbände, frischer Gips, Prellungen, angespannt-bedrückte Stimmung. Mache ein paar Bilder und gehe hinein. Dr. Sarita Pandey, deutlich gestresst und beschäftigt, ist nicht im Mindesten genervt von meinem Ansinnen.

Die Polizei ist da, um die drei Toten mitzunehmen, angeblich ins Teaching Hospital der Universität, erklärt sie. Drei anwesende Menschenrechtler begrüßen mich herzlich, Ian Martin, UN-Kommissar für Human-Rights, ist angeblich auf dem Weg hierher. Fotografiere verletzte Menschen auf den Fluren und bleibe dicht bei Dr. Pandey. Der Chefarzt kommt, spricht sogar Deutsch, er hat in Tübingen studiert und bittet um Geduld.

Offiziere und Mannschaften drängen herein, ein Pulk aus blauen Tarnuniformen. Sie werden von verletzten Demonstranten wüst beschimpft, Ärzte und Schwestern versuchen zu schlichten, alles schreit durcheinander, mit grimmigen Gesichtern trampeln die Polizisten wieder in den Hof hinaus. Sarita hat den Schlüssel schon seit ein paar Minuten in ihrer Hand, silbern glänzt er auf der weißen Latexhaut mit den winzigen Blutstropfen. Sie weist zum Innenhof, ein Anbau, die Tür aus Wellblech, rotbraun gestrichen. Hastig schließt sie auf, zusammen mit mir schlüpft ein hagerer Inder in den engen, gefliesten Raum, sie zieht die Blechtür hinter uns zu.

Drei junge Männer liegen in ihrem Blut, Hemden hoch geschoben, auf der braunen Haut nepalesische Schriftzeichen, offenbar ihre Namen. In einer Ecke, Rückenlage, der Körper eines schmalen Mannes, fast noch ein Junge. Die Kugel hat ihn von hinten getroffen und ist durch das Brustbein ausgetreten, dort klafft jetzt ein Loch. Neben ihm ein stämmiger Kerl, vielleicht dreißig Jahre alt, Kopfschuss. Der Raum ist höchstens drei Meter lang und so schmal, dass ich mit ausgestreckten Armen beide Wände berühren könnte.

Der Inder knipst mit seiner Minikamera, meine Lumix klickt und summt. Dicht an der Tür, direkt vor meinen Füßen, liegt verkrümmt auf der Seite die Leiche eines hübschen, jungen Mannes. Dr. Pandey schiebt sein Unterhemd ganz hoch und zeigt das winzige Loch im Brustkorb. Er hat die Kugel direkt ins Herz gekriegt, seine Augen sind weit offen. Wie in einem Tagtraum starrt er geradeaus an die Wand, wird nicht wach.

Zoomen, Blitzen, Weitwinkel, aus-der-Ecke-alles-draufkriegen, Totale, Einschusslöcher, Austrittswunden, nicht ausrutschen. Mich wundert diese Kaltschnäuzigkeit - mein erster Job als Fotograf, Blutlachen zwischen den Füßen, kaum Nervosität, seltsam. Diese Jungs waren Studenten, junge Ehemänner, haben heute früh gegessen, hatten Arbeit, Pläne, Hoffnungen, vielleicht auch Liebeskummer oder wollten bald heiraten. Vorbei.

Dr. Pandey möchte, dass wir gehen, schließt schnell die Tür und lässt das Vorhängeschloss einschnappen. Draußen im Hof zünde ich mir eine an und werde sofort gebeten, auf der Straße zu rauchen, ein Modell Hospital eben. Gehe zehn Schritte und rufe Min an. Fotos im Kasten, Ian Martin ist unterwegs, was tun? Dran bleiben und vor allem versuchen, möglichst gute Bilder zu machen. Was heißt hier eigentlich gut?

Ein junger Nepalese mit strahlendweißem Kopfverband möchte mich sprechen. Er berichtet von der Demo in Kalanki. Sie haben auf der Straße gesessen und gesungen, die Polizisten hatten ein paar Mal Tränengas verschossen, aber sonst nichts. Erst als der grüne Militärhubschrauber über der Szene zu kreisen begann, wurden die Truppen wild. Knüppel, Gummigeschosse, zu fünft und mehr sind sie auf Einzelne losgegangen, haben Männer, Frauen, sogar Kinder zusammengeschlagen, und dann scharf geschossen.

Er glaubt, dass von oben aus dem Hubschrauber der Befehl kam, die Menge um jeden Preis zu zerstreuen. Sein Englisch ist sehr gut, er spricht ruhig und gefasst, ohne Pathos oder Wehleidigkeit. Mein Bleistift huscht über die Seiten des Notizbuchs, nur eine von vielen alltäglichen Geschichte in diesem April.

Wieder drinnen gibt eine Schwester mir Auskunft. Noch haben sie keinen Überblick, mehr als vierzig Verletzte, vier bereits operiert, vier warten noch auf einen freien OP-Saal. Prellungen, Brüche und Schusswunden. Drei Tote. Genaue Zahlen später.

Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Fünf Offiziere und ungefähr zwanzig Mann in Uniform kommen vom Hof ins Hospital. Empörtes Geschrei der Patienten, kurze, harte Sätze im Befehlston, zu zweit brechen sie die Tür zum Lagerraum auf. Sie legen zuerst den Mann mit dem Kopfschuss auf eine Metalltrage. Anheben und ab. Keiner nimmt groß Notiz von mir, selbst das Blitzlicht stört sie offenbar kaum.

Draußen vorm Eingang steht ein weißer Suzuki-Krankenwagen, aus dem die Pritsche entfernt wurde. Wie ein geschächteter Hammel rutscht der Körper des toten Mannes von der Blechtrage. Kräftige Hände packen durch offene Schiebetüren, zerren an schlaffen Gliedern, packen den Leib ganz an die Außenwand - der knappe Platz muss schließlich für drei reichen. Wütende Schreie von Verletzten und ihren Freunden, Ärzte und Schwestern stehen stumm dabei. Sofort wird der zweite Leichnam gebracht, hineingewuchtet und schon liegen die Toten Schulter an Schulter auf dem geriffelten Wagenboden. Der Träumer muss einen Moment warten, bis er eingeladen wird. Das Weiße in seinen toten Augen strahlt unwirklich.

Kurz bevor die Heckklappe zugeschlagen wird, mache ich das letzte Bild. Drei erschossene Männer liegen nebeneinander in einem schmalen Suzuki-Bus, Köpfe nach vorn, dicht beisammen. Der Blitz beleuchtet braune nackte Fußsohlen, an einer Zehe glänzt Blut. Eine Hand weist auf Füße, die zu weit herausragen, so lässt sich die Klappe nicht schließen. Arme in blauem Camouflage-Drillich zerren erneut an Schultern, endlich senkt sich die Hecktür. Dr. Pandey flüstert: "Bitte das Nummernschild des Wagens fotografieren!"

Minuten später sind sie wie ein Spuk verschwunden, Flüche verhallen in der engen Gasse vorm Hospital, ein Gittertor fällt ins Schloss. Kummer hängt im Hof wie kalter Rauch. Wir gehen noch einmal hinein, letzte Fotos. Das aufgebrochene Vorhängeschloss, der leere Raum. Dünne Blutschlieren auf dem Kachelboden trocknen bereits. Sie haben fast die gleiche Farbe wie die rotbraune Blechtür, dazwischen fast schwarze, zähe Pfützen. Ian Martin wird nicht mehr kommen, zu spät, die Leichen sind weg, entführt, geklaut. Die Rechte der Lebenden werden in Nepal Tag für Tag mit Füßen getreten, der lange Arm des Königs greift sogar nach den Toten.

Auf dem Weg zu Min ist es schon fast dunkel, er hört mein Klopfen und öffnet. Wir schließen die Kamera an und schicken seinen elfjährigen Sohn Munir in die Küche. Nichts für Kinder. Am großen Monitor wirken die Bilder noch härter. Bin erneut verblüfft, wie wenig es mir offenbar ausgemacht hat, in dem winzigen Raum drei tote Männer zu fotografieren, deren Körper noch nicht kalt waren.

Der Anruf bei Dr. Pandey ergibt, dass nach der Demo in Kalanki insgesamt über hundert Verletzte behandelt wurden, 62 im Model Hospital und 44 im Teaching Hospital. Sie weist darauf hin, dass die Ambulanzen erst 90 Minuten nach den Schüssen zu den Verletzten durchgelassen wurden. Mins Frau ruft von oben aus der Küche zu uns herunter, die Curfew wurde verlängert bis 3:00 Uhr morgens, das macht nun insgesamt 32 Stunden, neuer nepalesischer Rekord. Min mailt die ersten Bilder an den Verlag, es dauert quälend lange mit seinem 28k-Modem, zwischendurch bricht die Verbindung ab.

Heut mag ich nicht zum Abendessen bleiben, es war für seine Frau garantiert schwierig, überhaupt Gemüse zu ergattern. Durch tägliche Ausgangssperren und den Generalstreik ist der Markt wie leergefegt. Will ins Hotel, brauche Ruhe. Das Rad von Dinesh hat kein Licht, in den Gassen ist es stockfinster. Bin ausnahmsweise froh über brennende Müllhaufen und angezündete Reifen, halte dann eben kurz die Luft an und radele vorbei. Im Hotel bestelle ich Momos, kaltes Everest-Bier und gehe unter die Dusche. Lege danach die Wassermusik von Händel auf und fange an zu tippen.

Endlich klopft es, aber nicht Nyima mit Bier und tibetischen Maultaschen steht vor der Tür, sondern ein holländischer Zimmernachbar. Sie wollten schlafen, ob ich die Musik leiser stellen könne? Viertel nach neun, ihr geht aber früh ins Bett. Hätte ihn fast angebrüllt und drehe unwirsch den Regler etwas zurück. Eine akute Allergie gegen Barockmusik? Bescheuerte Touristensorgen. Musik zu laut, Bier nicht kalt genug, Curry zu scharf, Zeitung nicht da, Strom fällt aus. Alles gequirlte Kinderkacke. Merke erst jetzt, wie erschüttert ich bin.

Irgendwann kommt das Essen, schlinge es herunter, schreibe weiter und lege meine neueste CD auf. Damien Rice, Ohrwurmqualität. Titel 3 heißt ›The Blowers Daughter‹, im Refrain singt er "I can't take my eyes of you". Vor mir erscheint der tote Junge mit den offenen Augen, das Bild vom Tagträumer will nicht verblassen.

Vielleicht sind sich die drei nie begegnet. Sie kamen aus ihren Dörfern zu einer Demonstration für Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie nach Kalanki, drei von fünfzigtausend an einem sonnigen Donnerstag im April. Die Pfützen auf dem Kachelboden des Abstellraums im Model Hospital flossen ineinander und haben sie für immer zu Blutsbrüdern gemacht. Höre kurz auf zu tippen und überlege, warum ich eigentlich hier bin. Mache ohne Antwort weiter.

© Johannis R. Jappen, April 2006

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